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Tanz Bremen“ wirbelt Europa-Idee durcheinander

Der Kulturschock von Einwanderern und ein Europa in der Krise – das Festival „Tanz Bremen“ setzt sich mit Menschen am Rande der Gesellschaft auseinander.

3nlh1159-k0JH--600x337@NWZ-OnlineBREMEN Erst der Klang einer Kuhglocke der Schweizer Alpen bringt die Erlösung. Bis dahin lässt der österreichische Choreograf Christian Ubl sein Ensemble CUBe gegen die Kräfte eines auseinanderdriftenden Europas ankämpfen. Drei Männer und zwei Frauen in Lederhose reagieren auf Propaganda und Politgeschwätz wie Roboter und Hampelmann: die Arme hoch, die Hand an die Halsschlagader, Grimasse, Gleichschritt und Liegestütz. Mit der Deutschlandpremiere der Produktion „Shake it out“, einer atemlosen Auseinandersetzung mit Europa, ist am Wochenende das Festival „Tanz Bremen“ eröffnet worden.

Mit Trippelschritten werden während der einstündigen Inszenierung im Kleinen Haus des Theaters Bremen unterschiedlichste Flaggen serviert und gefressen. Das alles auf einer minimalistisch weißen Bühne, die gleichmäßig ausgeleuchtet ist und später zu zerstörerischen Geräuschen wie bei einem Luftangriff grell aufflackert und wieder dunkel wird.

Ein DJ und ein Schlagzeuger neben der Bühne treiben die Bewegungen an. Zum Teil so laut, dass sich erste Zuschauer die Ohren zuhalten, einige verlassen den Raum. Zu früh, denn nach diesem Spektakel lassen sich die Tänzer plötzlich aufeinander ein. Federleichte Bewegungen, Lachen, die Europahymne, Schuhplattler West und Kasatschok Ost – eine Welt wächst zusammen.

Der vielfach ausgezeichnete Standardtänzer und Choreograf Ubl ist Österreicher und arbeitet seit 14 Jahren in Frankreich. Die Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat brachte den 42-Jährigen auf die Idee, die europakritische Produktion „Shake it out“ auf die Bühne zu bringen, ein Plädoyer für Vielfalt.

Mal lässt sein Ensemble die Hände wie ein Hirschgeweih über dem Kopf zittern. Später wärmen sich die nackten Performer an einem Lagerfeuer aus bunten Flaggen, dehnen sich wie bei einem Yoga-Seminar, loten mit Fußrassel, Kuhglocken und Volkstanzschritten ein mögliches Zusammenleben aus. Das Publikum feierte dieses groteske Szenario mit intensivem Applaus und übte beim anschließenden „Folksbal“ mit Ubl und seinem Team Polka, Walzer und japanischen Tanz.

„Tanz Bremen“ zeigt bis einschließlich Freitag (13.2.) mehr als 20 Produktionen von internationalen Newcomern, gefeierten Choreografen und der Bremer Szene. Festivalleiterin Sabine Gehm hat das Thema „Teilhaben/Teilnehmen“ vorgegeben: „Es geht um kulturelle Identitäten jenseits aller Klischees. Angesichts der politischen Demonstrationen zu Flüchtlingsfragen ist das hoch aktuell.“

Am Montag wird der spanische Choreograf Israel Galván in seiner Deutschlandpremiere „FLA.CO.MEN“ den traditionellen Flamenco mit trommelnden Schritten und blitzschnellen Gesten auf den Kopf stellen. Choreograf Abou Lagraa schlägt am Mittwoch in seinem Tanzabend „Nya“ mit Hip Hop und Klassik eine Kulturbrücke zwischen Frankreich und Algerien. Sébastien Ramirez und Honji Wang wollen am Freitag mit ihrer Inszenierung „Monchichi“ die Ängste und Chancen von Einwanderung und Kulturschock erlebbar macht.