Heroisches Schuhplatteln

Bremen – Von Andreas Schnell. Dieses Europa ist schon ein irres Projekt: Ein Staatenbündnis neuen Typs, durchaus mit Weltmachtanspruch, nach außen in mehrerlei Hinsicht zunehmend geschlossen auftretend, nach innen unter weitgehender Beibehaltung der nationalen Souveränität seiner Mitgliedstaaten.

Was bekanntlich durchaus widersprüchlich ist und sich immer wieder in den Nachrichten niederschlägt, derzeit beispielsweise anlässlich des griechischen Wahlergebnisses.

Vor allem Fragen der Identität sind es indes, die den Choreographen Christian Ubl beschäftigen, also das Verhältnis, das zwar einerseits per hoheitlichem Akt im Pass geregelt ist und somit keine persönliche Entscheidung, andererseits aber durchaus mit persönlichen Haltung zu tun hat: Wie steht man denn selbst da. Als Europäer? Als, sagen wir, Österreicher? Der seit gefühlt einer Ewigkeit in Frankreich lebt – wie Ubl? Die individuelle Ebene verschränkt sich in seiner Choreographie „Shake It Out“, die am Wochenende im Rahmen von Tanz Bremen im Kleinen Haus des Theater Bremens als Deutschlandpremiere zu sehen war, unauflöslich mit der politischen.

© Didier Philispart

Der einstündige Abend untersucht mit fünf Tänzern und zwei Musikern, wie sich regional lokalisierbare Tradition in supranationaler Gesellschaft verhalten und somit in einem Herrschaftsverhältnis, das in seinem Bestreben, sich als Supermacht zu etablieren, stets auch dazu neigt, lokale und individuelle Besonderheiten zu nivellieren.

Das durchaus Gewaltsame daran befindet sich in den Bewegungen des Ensembles im nahtlosen Übergang ins Schuhplatteln und andere stilisierte Volkstänze; heroische Posen, hochgerissene Arme gehen nur scheinbar bruchlos mit Lederhosen einher. Ein Schlagzeuger treibt das disparate Geschehen unablässig voran, nachdem Winston Churchill vom Band zur Einstimmung seine Utopie eines Europa skizziert hat, das voller hehrer Ideale ist – Philosophie, Künste, Wiege der Zivilisation. Und doch unter den Vorzeichen des größten Massakers steht, das die Menschheit je angerichtet hat. Ein Friedensprojekt? Der offiziellen Lesart nach schon. Es braucht indes keinen Blick auf diese marschierenden Tänzer, daran zu zweifeln.

Ein buntes Flaggenmeer, das nach einem lustvollen Zug durch die europäische Gemeinde zu einem rätselhaft ausgeleuchteten Kreis gerinnt, der die Tänzer eher trennt als vereint, die sich schließlich nackt wieder eingefunden haben, Mensch naturbelassen, ohne eine aufgeherrschte Identität. Was sich negativ durchaus lesen ließe als: Wir, die wir nicht einmal einen gültigen Pass haben, müssen leider draußen bleiben.

Auch wenn über die volle Distanz von 60 Minuten eine beeindruckende Dynamik herrscht, Ubls präzise getaktete Choreographie auch mit Witz nicht geizt, endet „Shake It Out“ so auf einer eher pessimistischen, zumindest aber ambivalenten Note: Notdürftig bekleidet, haben sich die Tänzer einen Schamanen auserkoren, der in die Reste der Nationalflaggen gehüllt, wie ein Krampus oder ein mittelamerikanischer Gott umtanzt wird. Allerdings entzieht sich dieses Fabelwesen immer wieder des Zugriffs. Als wäre ein schlichtes Zurück in die Vergangenheit nur um den Preis der Barberei zu haben. Ein präzise durchgearbeiteter, virtuos getanzter Abend, vielschichtig und gewitzt.