Scharfe Bewegung

Das renommierte internationale Festival „Tanz Bremen“ setzt auf neue Formen der Choreografie

Der surreale Blick, der die Perspektiven traumwandlerisch ins Wanken bringt, steht im krassen Gegensatz zur Schärfe der Bewegung: Neben Tanz und Theater hat sich der junge spanische Choreograf Marcos Morau mit der Fotografie beschäftigt. Das Ergebnis ist ein Tanztheater von bildhafter Präsenz, eindringlich, expressiv, geheimnisvoll. Mit seiner Compagnie La Veronal versetzt er seit zwei Jahren Europas Tanzszene in Aufregung, die ihn mit Gastaufträgen für renommierte Theaterhäuser umwirbt. Soeben hat der Shootingstar das Repertoire des Avantgarde-Ensembles Carte Blanche aus dem norwegischen Bergen durch sein jüngstes Werk “Edvard” bereichert. Am 15. Januar fand dort die umjubelte Premiere statt, koproduziert vom Festival Tanz Bremen. Nun wird Carte Blanche mit der Deutschlandpremiere der Choreografie um Leben und Werk des norwegischen Malers Edvard Munch am 6. Februar das Festival im Bremer Theater am Goetheplatz eröffnen.

Nach dem Erfolg kann sich Festivalleiterin Sabine Gehm glücklich schätzen, mit der Koproduktion von “Edvard” einen Volltreffer gelandet zu haben. Dem eingespielten biennalen Turnus entsprechend wäre Tanz Bremen bereits 2014 an der Reihe gewesen. Kurzfristig war jedoch die Wirtschaftsförderung im vergangenen Jahr ausgefallen, und auch die Zukunft ist laut Gehm ungewiss. Doch wäre es nicht das erste Mal, dass sich Tanz Bremen selbst aus den Finanznöten befreien kann. Trotz ständiger Überlebenskämpfe hat es sich im Laufe der vergangenen 15 Jahre zu einem der renommiertesten Festivals im norddeutschen Raum entwickelt, als eines der wenigen, die sich ganz auf den Tanz konzentrieren.

Kreative Allianzen in der Stadt helfen weiter, sodass vom 6. bis 13. Februar in Bremen nicht allein auf den zahlreichen Bühnen ausgiebig getanzt werden darf. Das Eröffnungswochenende schließt sich mit dem Bremer Karneval zusammen. Gigantische Puppen des mit Preisen ausgezeichneten englischen Künstlerpaares Charles Beauchamp und Julieta Rubio zelebrieren ihre spektakulären Monkey Dances auch auf der Straße inmitten des närrischen Treibens.

Teilhaben und Teilnehmen lautet das Motto. “Identität, Toleranz, Neugier. Das sind die aktuellen Themen”, umreißt Sabine Gehm Leitmotive des Festivals. Wer gehört dazu, wer nicht, stellt sich die brisante Frage. “Gerade der Tanz hat gemeinschaftsbildende Formen für sich wiederentdeckt und weiterentwickelt.” Nach der Durststrecke einer intellektuell geprägten Konzepttanzkunst, umarmt der zeitgenössische Tanz heute – wenn auch kritisch – sogar den Volkstanz. Der in Frankreich lebende Österreicher Christian Ubl war medaillengekrönter Standardtänzer, bis er den zeitgenössischen Tanz entdeckte. Mit seiner Compagnie CUBe feiert er die Heimatkultur mit Seitenhieben auf jegliches Nationalgebaren. Wer Ubl zuletzt in David Wampachs Nussknackeradaption “Cassette” gesehen hat, kann sich vorstellen, dass es in “Shake it Out” nicht minder grotesk, witzig und provokant zugehen wird. Im Anschluss wird Ubl das Publikum zu einem “Folksbal” auffordern.

Einen Höhepunkt verspricht der Auftritt von Israel Galvan, der mit Musikern und Sängern ein ungewöhnliches Flamenco-Fest auf die Bühne des Goetheplatz-Theaters zaubern wird. Der Name des Stücks deutet es an: In “Fla.co.men”, das bei Tanz Bremen seine Deutschlandpremiere feiert, lässt Galvan keinen Stein auf dem anderen. Er zerlegt die Partituren, musikalisch wie auch tänzerisch. Vor ihm haben Choreografen bereits versucht, dem Flamenco zeitgenössisches Leben einzuhauchen. Galvan, der als einer der besten Flamenco-Tänzer der Welt gilt, packt den Tanz bei den Wurzeln, befreit ihn von Klischees. Technisch meisterhaft unterläuft er mit Lust und Laune herkömmliche Macho-Allüren. Sein Tanz ist pure Energie, wenn er sich von namhaften klassischen Flamenco-Gitarristen wie Caracafé und von Interpreten Neuer Musik davontragen lässt. Nach zahlreichen Preisen wurde dem Andalusier 2011 von den New Yorker Kritikern der renommierte Bessie Award verliehen.

Internationalität und lokale Verbundenheit begründen den Erfolg von Tanz Bremen. Wobei das ansässige Tanztheaterensemble Unusual Symptoms des Choreografen Samir Akika nicht minder kosmopolitisch agiert. Kürzlich zeigte Akika in Bremen die packende Tanzcollage “Belleville” mit Gasttänzern aus Bangalore, Nowosibirsk und dem nigerianischen Lagos. Auf Einladung von Tanz Bremen gehört Letzteren in “Let’s call it a night” einen Abend lang die Bühne. Beim Kollektiv tanzbar–bremen von Tanzschaffenden mit und ohne Beeinträchtigung ist “Gemein-schaft…” ohnehin Programm. Und für das Stück “Voyage” hat die Compagnie DE LooPERS70 Kinder und Jugendliche aus Bremen und Ramallah vereint. In einer “Kunstpause” bietet die Bremer Kunsthalle mit Edvard Munchs Bild “Das Kind und der Tod” einen vertiefenden Blick auf die Auftaktproduktion “Edvard”.