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Choreograf Christian Ubl und seine Compagnie CUBe bringen das politische Chaos auf die Bremer Bühne

Europa wie es tanzt und taumelt

Sven Garbade

Her mit den Klamotten: Christian Ubl und sein Ensemble CUBe stellten bei Tanz Bremen ihre Stück „Shake it out“ vor. (Photographer:Jorge PEREZ)

Wenn es um die Idee eines geeinten Europas geht, wird zurzeit intensiv über Finanzen und Politik debattiert. Dem in Frankreich lebenden Österreicher Christian Ubl und seiner Compagnie CUBe gelingt nun das kleine Meisterstück, das gefühlte Durcheinander in tänzerische Bilder zu bringen. Im Kleinen Haus des Bremer Theaters zeigte am Sonnabend seine Compagnie als Deutschlandpremiere das Stück »Shake it Out!« Dort werden Volkstänze aus vielen Regionen in einen bilderreichen Wirbel gebracht.

Und dieser beginnt rustikal, quietschledern: In Lederhosen fliegen die zwei Tänzerinnen und drei Tänzer über die Bühne, angetrieben vom treibenden Beat eines Schlagzeuges, das immer wieder von kleinen Variationen zu größeren rhythmischen Ausflügen ansetzt. Sehr gekonnt gerät dann der alpine Schuhplattler in eine Art Marschmusik, und alle müssen den neuen rhythmischen Verführungen nachgeben.

Bisweilen reagieren sie mit Grimassen oder, wie bei einem Auto-Scooter geht die (tänzerische) Fahrt plötzlich rückwärts. Ein herrliches Durcheinander entsteht; mal kampfbetont, dann wieder albern und gewitzt – so bietet die Choreografie beinahe sekündlich neue Deutungsmöglichkeiten: Mal proben die Tänzer den Schulterschluss, dabei sind die Blicke hoch hinauf gerichtet – zu höheren Zielen und besseren Visionen?

Auch wenn die Aufführung äußerlich so wild und unterhaltsam daherkommt, scheint sie von einer durchdachten inhaltlichen Struktur geformt zu sein. Wurzeln, Folklore, Dialog und Krieg nennt der Choreograf die Stichpunkte dieser Arbeit, welche am Ende zu einem gepfefferten Spektakel gebündelt werden. Vieles, was mit den Grundfesten der europäischen Kultur assoziiert werden kann, klingt hier an: Schillers „Ode an die Freude“ beispielsweise – doch der deutsche Idealismus, dieses „einig Volk von Brüdern“, bleibt eben nur eine Note in einem von Ringen und Straucheln geprägten Bilderreigen. Tänze aus allen Himmelsrichtungen wechseln sich flüssig ab, vom östlichen Kasatschok bis zu irischen Céilí-Tänzen. Europa, wie es tanzt und taumelt, könnte der Untertitel dieses schweißtreibenden Durcheinanders lauten.

Auch spielt die Inszenierung geschickt mit Bildern aus der griechisch-römischen Antike: Die Tänzer nehmen dann Posen aus entsprechenden Statuen ein, was immer wieder zu amüsanten Effekten führt. Zudem gelingt der anthropologische Blick über Grenzen hinweg, indem an manchen Stellen afrikanische Tänze einfließen. Manchmal scheint die Mischung wiederum völlig heiß zu laufen; die Tänzer sind dann mittlerweile völlig entblößt und scheinen sich zum Baden bereit zu machen. Sie wirken von den vielfältigen Verpflichtungen zu allerlei Bewegungszitaten regelrecht ausgelaugt. Blitze wie von Silvester-Raketen tauchen die Bühne in ein apokalyptisches Geflimmer – und plötzlich sieht das große Fahnenmeer, das in der Mitte liegt (und an dem bisweilen heftig geknabbert und sogar geschluckt wurde) wie ein Scherbenhaufen aus.

Man möchte die Inszenierung gleich mehrere Male sehen, um die Schichten dieser Melange erfassen zu können. Ubl, der selbst ein erfolgreicher Standard-Tänzer war, zeigt als Choreograf eine Arbeit, die weniger auf individuelle tänzerische Leistungen baut, sondern von einer Freude an kollektiven Bewegungen getragen ist. Wobei der Spaß an Anarchie, Tempo und Grenzverwirbelungen dem Abend einen großartigen Schwung verleiht.